Komplexdiagnose

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Definition: In verschiedenen Zusammenhängen (Selbsterfahrung, Therapie) ist es hilfreich, die Art und Stärke von Komplexen zu diagnostizieren. Komplexe sind psycho-neuronale Inhalte (Cluster, Felder, Teilsysteme), die aufgrund ihrer emotional-energetischen Ladung Abweichungen und Störungen im "normalen", durchschnittlich zu erwartenden Erleben und Verhalten eines Menschen hervorrufen. Die betreffende Person ist für kürzere oder längere Zeit nicht in der Lage, ihre Gedanken, Gefühle, Fantasien und Verhaltensweisen in gewohnter Weise entspannt und frei geschehen zu lassen. Komplexe können in allen seelischen Bereichen auftreten und alle Grade emotionaler Aufladung und Wirkung haben. Manche Komplexreaktionen verschieben Stimmungs- und Interessenlage nur in geringem Ausmaße, andere führen zu intensiven Spontanreaktionen und noch andere wirken so stark, dass der Eindruck entsteht, dass jegliche Kontrolle und Besinnung verloren geht bis hin zu dem Eindruck, sich selbst fremd zu sein. Die Komplexe erscheinen dann wie autonom, wie dissoziierte > Teilpersönlichkeiten.

Information: Der psychologische Begriff des Komplexes ist kein spezifischer Begriff der > Analytischen Psychologie, wurde aber insbesondere von C. G. Jung experimentell untersucht und vertieft ausgearbeitet. Im >Assoziationsexperiment, mit dem C. G. Jung die Erforschung der Komplexstruktur der Psyche begonnen hat, werden einer Versuchsperson bestimmte Reizworte dargeboten, auf die sie mit einem anderen Wort, das ihnen dazu einfällt, reagieren soll. Aus der Art und der Störung der Reaktion auf das Reiz-Wort (z. B. verzögerte Reaktion, rasche Reaktion, keine Reaktion, Stottern, Veränderung des elektrischen Hautwiderstandes, des Blutdrucks, der Atemfrequenz etc.) lässt sich nachweisen, ob das Reizwort einen Komplex der Versuchsperson berührt hat oder nicht. Die Versuchsperson hat in der Regel wenig Möglichkeit, eine Komplexreaktion zu vermeiden, denn die auf diese Weise angesprochenen Komplexe sind zumindest teilweise unbewusst und einer willensmäßigen Kontrolle nur schwer zugänglich. Eine spätere Weiterentwicklung des Assoziationsexperimentes ist der Lügendetektor, bei dem die psychosomatischen Veränderungen der Versuchsperson als Reaktion auf ein Reizwort – z. B. die Atemfrequenz, der Herzschlag und der elektrische Hautwiderstand – gemessen werden.

Komplexreaktionen werden uns vor allem auffällig in unangenehmen Zusammenhängen bei Fehlleistungen, Missgeschicken, Unfällen, Trieb- und Affektdurchbrüchen, psychosomatischen Reaktionen und psychischen Symptomen. "Komplexe sind daher in diesem Sinne geradezu Brenn- oder Knotenpunkte des seelischen Lebens, die man gar nicht missen möchte, ja, die gar nicht fehlen dürfen, weil sonst die seelische Aktivität zu einem fatalen Stillstand käme. Aber sie bezeichnen das Unerledigte im Individuum, den Ort, wo es zum mindesten vorderhand eine Niederlage erlitten, wo es etwas nicht verwinden oder überwinden kann, also unzweifelhaft die schwache Stelle in jeglicher Bedeutung des Wortes." (Jung Seelenprobleme der Gegenwart, 1950, S. 108, Zürich: Rascher)

Psychotherapie und Forschung haben sich vorwiegend mit solchen problematischen Komplexen beschäftigt, die das Verhalten und Erleben stören und einschränken. Eher unbeachtet waren lange die positiven Komplexbereitschaften gibt, die sich z. B. durch ein gesteigertes freudiges Interesse, ein verstärktes Annäherungsverhalten bzw. Motivation zeigen. Zudem können sich in Ambivalenz-Komplexen starke Zuneigungen mit starken Abneigungen vermischen, z. B. wenn ein starker Wunsch oder eine Motivation mit einem sozialen Verbot kollidieren. Zusammengefasst: Die Kenntnis der zentralen Komplexfelder eines Menschen ist einer Landkarte vergleichbar, die eine Orientierung in der Persönlichkeitseigenart und Persönlichkeitsstruktur ermöglicht (vgl. Seifert 1981, S. 285f.).

Die Entstehung von positiven und negativen Komplexen kann durch die Lernpsychologie plausibel erklärt werden: Durch fördernde oder hemmende Reaktionen der Umwelt wie des eigenen Organismus lernt der Mensch, Eigenschaften, Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Objekte, Menschen, Beziehungen und Situationen als angenehm oder unangenehm, als bestätigend oder bedrohlich, als richtig oder falsch zu erfahren. Manche Aspekte der Persönlichkeit und der Welterfahrung werden auf diese Weise mit positiven Gefühlen verbunden, andere hingegen mit negativen, angst-, schuld- und schambesetzten Zuständen, wiederum andere bleiben relativ neutral. So formieren sich Komplexkonstellationen von frühester Zeit an, werden ständig angereichert, generalisisert, verstärkt oder abgeschwächt und führen dazu, dass jeder die Welt in seiner individuellen Art erfährt und ebenso auf sie reagiert.

Da Einstellungen, Verhaltensweisen und Erlebnisse, die zu einer negativen oder positiven Komplexbildung geführt haben, in der Folgezeit vermieden oder verstärkt werden, kann sich daraus eine sehr einseitige und der Wirklichkeit des Lebens unangepasste Persönlichkeitsstruktur entwickeln. Weite Bereiche von positiven Lebensmöglichkeiten bleiben unerschlossen, während auf anderen negativen Lebensformen beharrt wird. Deshalb ist die Bewusstmachung und Auflösung lebenseinengender Komplexe eines der Hauptziele fast aller Therapien.

Die Komplexreaktionen stellen nach C. G. Jung sogar die eigentliche "via regia" (Königsweg) zum > Unbewussten dar. Neben der Erhöhung der Sensibilität für die Veränderungen der Bewusstseins-Kontinuität (z. B. durch ein Achten auf feine Körpersignale, plötzlich aufsteigende Emotionen und Fantasien), gibt es eine Reihe von weiteren Methoden, die durch eine Herabminderung der Bewusstseinsschwelle den Zugang zu den Komplexbereichen erleichtern. Hierher gehören z. B. > Hypnose und andere Tranceverfahren, Meditations- und Imaginationstechniken sowie die klassische freudsche freie Assoziation. In der Analytischen Psychologie bedient man sich hierzu vornehmlich der Arbeit mit den Träumen, der Aktiven Imagination und vielen anderen Formen kreativen Umgehens mit Fantasien.

Um den Sinn dieser Methoden zu verstehen, muss man eine typische Erscheinungsweise der Komplexe kennen. Je unbewusster sie sind und je höher ihre energetische „Aufladung“ ist, desto mehr erscheinen sie als fremd und autonom. Je stärker ein Komplex aufgeladen ist und je weniger er der Person vertraut und integriert ist, desto eher zeigt er sich zum einen in Symptomen, zum anderen in den Fantasien und Symbolbildungen.

In Fällen psychischer Störungen, wie z. B. bei leichteren Phobien oder Zwangssymptomen, erlebt das Individuum die Komplexe und die zugehörigen Vorstellungen zwar als unverständlich, aber doch noch fast zur eigenen Persönlichkeit gehörend. Sind sie stärker unterdrückt und abgespalten, werden sie möglicherweise projiziert und können den Charakter eines von außen kommenden, häufig bedrohlichen Wesens annehmen oder als Halluzinationen und Wahnvorstellungen erscheinen.

Komplexe haben dann die Neigung, sich zu personifizieren, d.h. in menschlicher oder tierhafter Gestalt aufzutreten. Die Analytische Psychologie fasst die in allen Kulturen vorkommenden Vorstellungen von Geistern, Teufeln, Dämonen, Kobolden, Fabelwesen, Heinzelmännchen etc. als die > Personifikation unbewusster Komplexe auf.

Ein anderes Beispiel für diese Personifikationstendenz der Komplexe ist das Lautwerden von inneren Stimmen, die das Verhalten einer Person kommentieren oder auch Manifestationen, die durch die psychomotorischen > [[Automatismen] psychomotorische]] (Tischerücken, Gläserrücken, Pendeln, automatisches Schreiben und Sprechen etc.), wie sie früher in spiritistischen Kreisen angewendet wurden, entstehen. Sie erzeugen bei uneingeweihten Beobachtern den fast unüberwindlichen Eindruck, in Kontakt mit jenseitigen Wesen getreten zu sein (vgl. Müller 1980, S. 31ff.). Diese Methoden sind Vorläufer der verschiedenen modernen psychotherapeutischen Versuche, in einen Dialog mit den unbewussten Prozessen zu treten.

C. G. Jung hat bereits 1916 ein entsprechendes Vorgehen vorgeschlagen, das heute unter der Bezeichnung "Aktive Imagination" ein Standardverfahren der Aanalytischen Psychologie ist. Alle Objekte, Prozesse und Gestaltungen, die auf der Ebene des Fantasie-, Imaginations- und Traumbewusstseins in Erscheinung treten, sind bildhafter, symbolisierter, personifizierter Ausdruck unbewusster Komplexe und verschiedener Teilaspekte der Persönlichkeit und ihrer Autonomie.Jede Persönlichkeit besteht aus Teilpersönlichkeiten, die in einem fortwährenden Dialog miteinander sind und versuchen, in entsprechenden Situation die "Oberhand" zu gewinnen. Im Idealfall fördern sich die Teilpersönlichkeiten mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften, zumindest sollten sie sich nicht gegenseitig behindern. Wie bei einer glücklichen Familie hängt dies von der guten Kommunikation miteinander ab. Viele Methoden anderer therapeutischer Richtungen nutzen und variieren dieses Konzept, z. B. Ego-States-Theorie, das "Innere Team", Familienaufstellung, Voice-Dialogue, Psychodrama, Big-Mind.

De zentralen positiven wie negativen Komplexfelder sind die Hauptthemen jeder Form von Psychotherapie. Komplexe sind die „wunden“ Punkte mit denen die Patienten ihre Konflikte und Probleme haben und die auf unterschiedliche Weise bearbeitet werden. In der Kognitiven Verhaltenstherapie (> Kognitive Verhaltenstherapie) werden die mit den Komplexen verbundenen problematischen Verhaltensweisen und Denkprozesse in den Mittelpunkt gestellt, während es in den psychodynamischen Richtungen zunächst mehr um ein Bewusstmachen bislang möglicherweise wenig wahrgenommener und abgewehrter Komplexe in ihrem emotionalen und genetischen Zusammenhang geht und erst im zweiten Schritt um deren Modifikation und Integration.

Systematik der Komplexe

Prinzipiell kann jedes emotionale positive oder negative Ereignis zu einem Komplex werden, so dass es schwierig ist, eine allgemeine Systematik der Komplexe zu geben. Eine differenzialdiagnostische Differenzierung nach folgenden Kriterien kann aber eine erste Orientierung vermitteln.

Komplexebenen

o Individuelle Komplexe, die der individuellen Lebens- und Lerngeschichte entstammen.

o Sozio-kulturelle Komplexe, die für die Gruppe, Gesellschaft und Kultur, in der man lebt, charakteristisch sind und durch den Sozialisationsprozess vermittelt werden.

o Kollektive Komplexe, bzw. Komplexbereitschaften, die genetisch mitbedingt sind und allen Menschen gemeinsam sind. Die AP bezeichnet die letzteren auch als Archetypen.

Entsprechend dieser Ebenen ordnen sich die einzelnen individuellen Teilkomplexe zu größeren Komplexverbänden, welche sich wiederum um einige Zentralkomplexe archetypischer Art gruppieren, die in etwa den Grundfunktionen, Grundbedürfnissen und Grundängsten des Menschen entsprechen dürften.

Komplexgruppen

o Personale Komplexe, das sind Komplexe, die sich auf die eigene Person beziehen, z. B. auf die Identität und das Selbstwerterleben, wie der Minderwertigkeits- und Größenkomplex, Macht- und Ohnmachtskomplex, Dominanz- und Unterwerfungskomplex;

o Komplexe, die sich auf das eigene Aussehen und spezielle Körpermerkmale beziehen: etwa Schönheit, Hässlichkeit, Nase, Busen, Penis;

o Komplexe, die sich auf die eigenen Grundbedürfnisse beziehen: Essen, Trinken, Schlafen, Sexualität, Geld;

o Komplexe, die sich auf existenzielle Situationen beziehen: etwa Krankheit, Älterwerden, Einsamkeit, Sinn, Tod;

o Komplexe, die besondere Interessen und Begabungen beinhalten: Kunst, Kleider, Computer;

o Komplexe, die sich auf Persönlichkeits-Aspekte der Individuation beziehen: Persona-, Schatten-, Anima/Animuskomplex.

o Beziehungskomplexe, also Komplexe, die sich auf Menschen und Tiere und die positiven/negativen Konstellationen mit ihnen beziehen wie z. B. der Mutterkomplex, Vaterkomplex, Elternkomplex, Bruder/Schwester/Geschwisterkomplex, Familienkomplex, Gruppenkomplex, Autoritätskomplex, Rivalitätskomplex, Trennungskomplex, Komplex des Ausgeschlossenwerdens, des Übergangenwerdens; Hundekomplex, Spinnenkomplex, Schlangenkomplex u.a.

o Objektkomplexe, d. h. Komplexe, die sich auf Erfahrungen mit der Umwelt beziehen: Höhenkomplex, Platzkomplex, Flugkomplex u.a.

o Emotionale Komplexe. Gelegentlich findet sich auch eine Bezeichnung eines Komplexes nach der vorherrschenden Emotion, die das Erscheinungsbild dominiert, also z. B. z. B. Angstkomplex, Eifersuchtskomplex, Neidkomplex, Schamkomplex, Schuldkomplex. Dies ist oft aber nicht präzis und differenzierend genug, da sich alle Komplexe definitionsgemäß durch eine spezielle emotionale Aufladung auszeichnen. Auch wenn eine Emotion dominiert und generalisiert ist, sollte man sich bemühen, den dahinterstehenden Grundkomplex herauszufinden

o Komplex-Konflikte. Schließlich kann man den im Komplex enthaltenen Konflikt näher kennzeichnen, denn mit den stärkeren Komplexen sind meist stärkere Konflikte verbunden (z. B. Annäherung-Vermeidung, Nähe/Symbiose-Distanz/Autonomie, egoistische versus soziale Tendenzen).

Komplexe lassen sich nach positiv oder negativ, nach fest oder dynamisch, nach ursprünglich oder aktuell und nach ihrem Ausprägungsgrad (leicht, mittel, schwer) differenzieren. Weiter lassen sich die interpersonellen Auswirkungen, die ein Komplex hat, beschreiben, beispielsweise ob er eine lähmende oder begeisternde infizierende Wirkung auf andere hat, ob Teile des Komplexes „kollusiv“ (vgl. Heisig, 1999, Kast, 1990) von anderen Menschen übernommen werden oder welche kompensatorischen Reaktionen entstehen, um die einseitige Wirkung des Komplexes auszugleichen.

Zwei Gruppen psychischer Inhalte sind für viele Menschen besonders komplexhaft besetzt: Ihre äußere Erscheinung, ihr Status und ihre soziale Rolle, die sie nach Außen anderen Menschen gegenüber zeigen möchten (> Persona) und diejenigen Seiten, die sie auf keinen Fall öffentlich zeigen möchten (Schatten), weil sie befürchten, einen Verlust der "Ehre" oder des Ansehens zu erleiden. Ein vergleichbares Konfliktpaar hatte schon Freud mit den Über- und Ideal-Bild-Instanzen einerseits und der Es-Instanz andererseits dargestellt und später die Transaktionsanalyse von Eric Berne mit dem Eltern-Ich und dem Kindheits-Ich. Fragen unbewusster Persona- und Schatten-Aspekte sind ebenso wie Über-Ich und Es-Konflikte Gegenstand der meisten Therapien.


Diskussion: keine

Autor: L. Müller

Literatur:Dieckmann, H. (1991): Komplexe; Kast, V. (1980): Das Assoziationsexperiment in der therapeutischen Praxis; Kast, V. (1990): Die Dynamik der Symbole; Kast, V. (1994): Vater-Töchter Mutter-Söhne; Müller, L., Seifert, T. (1984): Urbilder der Seele; Ribi, A. (1989): Was tun mit unseren Komplexen?