Bewusstseins-Evolution

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Keyword: Bewusstseins-Evolution

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Definition: Mit der Evolution des Bewusstseins setzt sich jener Prozess fortschreitender Komplexitätszunahme (> Komplexität) fort, der mit der Evolution der Materie begann, dann als Evolution der Moleküle und danach als Evolution der Lebewesen weiterging. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts blieb indessen die Theorie der Bewusstseins-Evolution umstritten, da die methodischen Ansätze der vorliegenden Entwürfe der Kritik nicht standhielten. 1980 wurde dann ein methodischer Ansatz zur Bewusstseinsentwicklung gefunden: (vgl. Obrist, 1980)

Information: Bei der Gesamtevolution hat sich, Hand in Hand mit der Komplexitätszunahme, immer auch eine Diversifikation (Veränderung, Ausweitung) vollzogen. Bei der Bioevolution sind dabei die Arten, bei der Evolution des Bewusstseins hingegen die Kulturen entstanden. Vom Komplexitätsgrad einer Kultur kann gleichermaßen auf den, des kognitiven kulturschaffenden Systems des Bewusstseins zurückgeschlossen werden. lm Unterschied zur Bioevolution werden die Errungenschaften bei der Bewusstseinsevolution nicht über das Genom weitergegeben, sondern über die Tradition. Hinzu kommt, dass biologische Arten über Jahrmillionen gleich bleiben können, während bei der Bewusstseins-Evolution die Tendenz besteht, überholte Vorstellungen fallen zu lassen. Dass frühere, wenigstens teilweise überwundene, Stadien trotzdem noch untersucht werden können, verdanken wir der – ebenfalls vorhandenen – Tendenz zur Neophobie (Angst vor dem Neuen).

Diskussion: Bei der notwendigen Bestimmung der grundlegenden Eigenschaften des Bewusstseins ist von der Tatsache auszugehen, dass bei jedem großen Evolutionsschritt völlig neue Eigenschaften in die Existenz treten. Die Frage nach den Kennzeichen von Bewusstsein läuft somit auf die Frage hinaus, welche kognitive Fähigkeit beim Schritt vom tierischen Primaten zu deren, schon vorhandenen hochkomplexen, unbewussten kognitiven Fähigkeiten hinzugekommen ist.

Die evolutionäre biologische Kognitionsforschung sieht diese neue Fähigkeit als die, zwischen Ich und Nicht-Ich, zu unterscheiden. Dies impliziert zweierlei: zum einen, sich seiner selbst als etwas vom Nicht-Ich – der "objektiven" Wirklichkeit – Getrenntem bewusst zu werden, zum andern, am Nicht-Ich immer mehr Unterscheidungen zu treffen, insbesondere immer weiter hinter die Fassade des bloßen Augenscheins vorzudringen. Um die Evolution des Bewusstseins nachzuweisen, muss der Komplexitätsgrad dieser Fähigkeit bestimmt werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass allen früheren Kulturen – von der Steinzeit bis zu Beginn unserer Neuzeit – das gleiche Muster des Selbst-und Weltverstehens zugrunde liegt: das archaische (> Weltsicht, archaische). Weil für diese Weltsicht die Unterscheidung zwischen einem diesseitigen, physischen bzw. natürlichen und einem jenseitigen metaphysischen bzw. übernatürlichen Bereich der Wirklichkeit charakteristisch ist, wird die Evolution, auf dem physischen und auf dem metaphysischen Zweig, gesondert untersucht.

Vollzogen hat sich die Entwicklung während der archaischen Phase vor allem auf dem metaphysischen Zweig: durch theologische Spekulation. Sie kann durch drei Begriffe umschrieben werden: "Hochschieben" des Himmels, Reduktion der metaphysischen Populationen sowie Entmaterialisierung des Jenseits. Durch letzteres kommt das fundamentale Begriffspaar von > Materie und > Geist zustande. Die Mutation des Bewusstseins im Verlauf der Neuzeit führt dann zum "Hereinklappen" der jenseitigen Welt in die Psyche des Menschen und – dank Erfindung des komplementären Denkens – zu einer fundamental neuen Auffassung der Begriffspaare Materie und Geist sowie Leib und Seele.

Literatur: Obrist, W. (1980): Die Mutation des Bewusstseins; Obrist, W. (2002): Aufsätze.

Autor: W. Obrist