Bewusstsein

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Definition: Der Begriff Bewusstsein hat in Philosophie, Psychologie und Medizin unterschiedliche Bedeutung. Zunächst ist zwischen Bewusstsein im selbstbezüglichen Sinn (Ich-Bewusstsein]] und dem Bewusstsein, als dem Wissen um Bewusstseinsinhalte, zu unterscheiden. Vielfach wird die Klarheit des Bewusstwerdens einzelner Bewusstseinsinhalte auf verschiedenen Bewusstseinsstufen angesiedelt. Die klinische Psychopathologie unterscheidet zwischen qualitativen Bewusstseinsstörungen (Bewusstsein-Trübung, Bewusstsein-Einengung, Bewusstsein-Verschiebung) und quantitativen Bewusstseinsstörungen (Störungen des Wachseins: z. B. Benommenheit, Schläfrigkeit, Sopor, Koma).

Information: In der Antike und im Mittelalter ist der Begriff Bewusstsein noch nicht terminologisch festgelegt. R. Descartes (1641]] unterscheidet an zentraler Stelle zwischen res extensa und res cogitans (ausgedehnte Substanz und denkende Substanz). Über die Selbstreflexivität der res cogitans rückt er das > Ich und das Innerpsychische in das Zentrum des neuzeitlichen Denkens ("Ich denke, also bin ich."). Als Lehnübersetzung von con-scienta (lat.: mit Wissen]] wurde der Bewusstseinsbegriff von C. Wolff im 17. Jahrhundert in die deutsche Philosophie eingeführt. In diesem Sinne umschreibt Bewusstsein das "Begleit-Wissen" um das eigene psychische Erleben. In der Folgezeit wird der Bewusstseinsbegriff über die rein intrasubjektive Deutung hinaus erweitert. So unterscheidet I. Kant zwischen empirischem Bewusstsein und transzendentalem Bewusstsein (als Bedingung der Möglichkeit aller Erkenntnis). Bei F. Hegel (1807]] führen Stufenfolgen des Bewusstseins historisch-dialektisch zur Selbstwerdung des absoluten Geistes.

Diskussion: In psychodynamischen Theorien gewinnt der Begriff Bewusstsein Kontur durch seine kontrastierende Beziehung zum > Unbewussten. Durch die Arbeiten S. Freuds wurden ältere Auffassungen vom Unbewussten bei G. Leibniz, E. v. Hartmann und F. Nietzsche aufgegriffen. Der Mensch tritt nach S. Freud mit einem undifferenzierten Unbewussten (> Es) ins Leben, aus dem sich erst allmählich ein bewusstes > Ich entwickelt.

Einzelne biografische Erlebniskomplexe können in das Unbewusste verdrängt werden und hierdurch pathogenen Charakter erlangen. Über S. Freud hinausgehend sieht C. G. Jung das Unbewusste in einem kompensatorischen Verhältnis zum Bewusstsein (> Kompensation). Bewusstsein ist für ihn eng mit dem Ich-Erleben verbunden: "Das Bewusstsein ist die Funktion oder Tätigkeit, welche die Beziehung psychischer Inhalte zum Ich unterhält" (Jung, GW 6, §758), weshalb in der > Analytische Psychologie|Analytischen Psychologie]]auch oft vom "Ich-Bewusstsein" gesprochen wird. Das Bewusstsein hat für Jung eine herausragende Bedeutung, weil es der Existenz Erkenntnis und bewusstes Sein ermöglicht.

"Menschliches Bewusstsein erst hat objektives Sein und den > Sinn geschaffen, und dadurch hat der Mensch seine im großen Seinsprozess unerlässliche Stellung gefunden." (Jung, Jaffé, 1962, S. 260]]). Insofern ist die Entwicklung und Differenzierung des Bewusstseins eines der zentralen Anliegen des individuellen und gesellschaftlichen > Individuationsprozesses (> Bewusstseinsentwicklung > Bewusstseins-Evolution > Bewusstseins-Mutation). Mithilfe der therapeutisch vermittelbaren transzendenten Funktion (> Funktion, transzendente wird eine > Synthese bewusster und unbewusster Inhalte und eine lebendige dialektische Beziehung zwischen Bewusstem und Unbewusstem angestrebt, die zu einer schöpferischen Haltung führt und eine vertrauensvollen Beziehung zur > Selbstorganisation der Psyche herstellt.

Der mit diesen Vorstellungen verbundene Bewusstseinsbegriff entspricht einem erweiterten Sprachgebrauch des Wortes Bewusstsein, der – über das Ich-Bewusstsein hinaus – Bewusstsein als das Wissen um Dinge versteht, die nicht mehr der psychischen Präsenzzeit angehören. In diesem Sinn unterscheidet in neuerer Zeit der Neuropsychologe Damasio, aufgrund physiologischer Befunde, zwischen Kern-Bewusstsein, biografischem Bewusstsein und erweitertem Bewusstsein. Vertreter der > Transpersonalen Psychologie wie K. Wilber und S. Grof versuchen Bewusstsein zu einem kosmologischen Spektrumsbegriff zu erweitern, der, jenseits der Subjekt-Objekt-Spaltung, ein Kontinuum an Erfahrung ermöglicht. Als Gegenposition findet sich – als Folge der genannten cartesianischen Dichotomie – bis heute die reduktionistisch-materialistische Position, die davon ausgeht, dass der subjektive, phänomenale Charakter von Bewusstsein in einem physikalischen Weltbild nicht vermittelbar, und daher nicht begründbar sei.

Literatur: Damasio, A. R. (1995): Descartes Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn; Edinger, E. (1986): Schöpferisches Bewusstwerden; Grof, S. (1997): Kosmos und Psyche; Meier, C. A. (1975): Bewusstsein; Neumann, E. (1949): Ursprungsgeschichte des Bewusstseins; Wilber, K. (1987): Das Spektrum des Bewusstseins; Pauen, M. (2001): Grundprobleme der Philosophie des Geistes.

Autor: W. Pätzold, H. M. Emrich