Apperzeption, mythologische

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Keyword: Apperzeption, mythologische

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Definition: Mythologische Apperzeption (griech. mythos: Erzählung; lat. adpercipere: hinzuwahrnehmen) ist bei E. Neumann eine charakteristische Form der frühen Weltwahrnehmung. Neumann, der sich aus dem Blickwinkel der > Analytischen Psychologie (> Analytische Psychologie am umfassendsten mit der Psychologie der Kindheit, der Entwicklung der Persönlichkeit und der Psychologie des > Bewusstseins und seiner Entwicklung (> Bewusstseinsentwicklung: Mythologische Stadien etc.) aus der > Kollektivpsyche und dem Unbewussten (> Unbewusstes, kollektives befasst hat, bezeichnet die mythologische Apperzeption der Welt und die archetypisch instinktive Reaktion (> Archetyp > Instinkt) auf sie „als das Charakteristikum der Menschheitsfrühe“.

Information: In seiner Frühzeit werde das, noch nicht vom Kollektiv abgelöste > Ich-Bewusstsein von den Impulsen und Reaktionen seiner Bezugsgruppe und von unbewussten Konstellationen „dirigiert“, und seine Welt ist deshalb mehr kollektiv als individuell (> Individualität), mehr mythologisch (> Mythos) als begrifflich. (vgl. Neumann, 1949a, S. 295)

Diskussion: Mit Menschheitsfrühe ist sowohl die phylogenetische, als auch die ontogenetische Frühzeit gemeint, insbesondere auch das Säuglingsalter und die frühe > Kindheit (> Bewusstsein, matriarchales > Urbeziehung > Uroboros).

Im gleichen Sinne spricht Neumann von der „Erfahrung der Welt im und am Symbol“ (> Symbol ; vgl. Neumann, 1963, S. 59]]). Es ist zunächst nicht einfach, sich die frühe und früheste Wahrnehmungswelt des Kindes vorzustellen, wenn man davon ausgeht, dass es „die Welt in Kategorien, die wir vom Mythos her kennen“, erfasst. Was da mythologisch erfahren wird, sollte aber nicht absolut mit den historisch überlieferten narrativen Mythen gleichgesetzt werden. Angesprochen ist „metaphorisch“ eher der alte Gegensatz zwischen verschiedenen Erlebensebenen, zwischen Mythos und Logos (> Logos-Prinzip). Dieser findet sich in dem entwicklungspsychologischen Faktum wieder, dass im frühen Säuglingsalter die Wahrnehmungsinhalte nicht die Welt, sondern das Welterleben widerspiegeln. Das Wahrgenommene ist nicht ein isomorphes Abbild der Außenwelt, sondern es steht unter dem Primat von Bedeutungen. Die Milch und die Mutterbrust wird nicht als „Außen-Wirkliches“, als „abstrahierte Dingwelt“ apperzipiert, sondern innerhalb der „Einheitswirklichkeit“, in der das „Außenwirkliche“ noch nicht vom „Innen-Wirklichen“ abgespalten ist“. (vgl. Neumann, 1963, S. 59)

Das Mythologische dieser Daseinsform ist, dass sie mit Bedeutungen verbunden ist, die weit über die Objektorientierung des Erwachsenenhorizonts bzw. des patriarchal organisierten Ich-Bewusstseins hinausgehen. An obigem Beispiel konkretisiert: Nicht was die Milch als „Außen-Wirkliches“, als Nahrungsmittel, bedeutet, wird vom Säugling wahrgenommen, sondern eine andere Wirklichkeitsebene, auf der die Milch viel mehr bedeutet. Darüber hinaus lässt die matriarchale Lebenswelt (> Matriarchat) des Kindes auch Anklänge an die narrativen mythologischen Motive und deren psychologische Implikationen erkennen, die religions- und kulturgeschichtlich der Großen Mutter (> Mutterarchetyp > Mutter, Große) zuzuordnen sind. Daraus folgern Jung und Neumann, dass in der Frühzeit das Kind nicht nur im Wirkungsfeld archetypischer Konstellationen lebt, sondern die Welt auch vornehmlich archetypisch erlebt. Die a priori vorgegebene Perzeptionsstruktur des Säuglings ist verankert im genetisch vorgegebenen „psychobiologischen Regulationssystem“, im „Überlebensprogramm“ eines instinktiven Reiz-Reaktions-Systems.

Ausgehend vom Jungschen Konzept des Psychoiden (> Unbewusstes, psychoides), in dem biologisch-instinktives Leben eng mit den Archetypen verknüpft ist, wird nachvollziehbar, dass für Jung und Neumann die subjektiven perzeptiven Konstellationen des Säuglings archetypisch vorgeformt sind. Deshalb gilt sein Bezogensein zunächst nicht der individuell-personalen Mutter, sondern der kollektiven-transpersonalen, archetypischen Mutter. Zur folgenreichen Störung der > Urbeziehung kommt es dann, wenn der vorgegebene Erwartungshorizont des Säuglings im Außen nicht den entsprechenden archetypischen Rahmen vorfindet: d.h. den in der realen Mutter bzw. mütterlichen Bezugsperson personifizierten bergenden Mutterarchetyp. Erst sekundär, durch den zwischenmenschlich-sozialen Dialog wandelt sich die mythologische Apperzeption: Wandlung der Wahrnehmung von der mythologischen zur personalen Mutter. Diese sekundäre Personalisierung (> Personalisierung, sekundäre des Archetyps und der archetypischen Welt hat eine wichtige Funktion im > Individuationsprozess (Neumann, 19742, S. 363]]).

Die empirische > Säuglingsforschung bestätigt die Annahme der primären kollektiv-transpersonalen Wahrnehmung der Mutter. Danach ist z. B. das erste visuell ausgelöste Lächeln des Säuglings apersonal adressiert und gilt jedem Gesicht. Erst sekundär tritt ein selektives Lächeln mit deutlicher Präferenz für die eigene Mutter auf (vgl. Schulz-Klein, 1999, S. 244f]]).

Andererseits scheinen die Ergebnisse der Säuglingsforschung dem Modell Neumanns zu widersprechen. Nach diesen müssen wir davon ausgehen, dass die psychische Früh-Welt keine Bilderwelt ist, sondern ein holistisches Gesamterleben sog. sensomotorisch-affektiver Schemata. Neumann weiß jedoch, wenn er von „Archetypen als Bilder“ spricht: „Die Bildwerdung der Instinkte ist ein psychischer Vorgang höherer Ordnung“ (Neumann, 1949a, S. 316), den es in der > Einheitswirklichkeit des frühen Säuglingsalters nicht gibt. Es herrscht ein psychophysischer Ganzheitszustand, der instinktiv sinnvolles Verhalten ermöglicht. Zwar findet sich da Psychisches als „Innenseite des Biologischen“. Erleben und Handeln sind jedoch noch nicht zentral repräsentiert in einem lebenssteuernden Organ, der > Psyche. Hinsichtlich der Archetypen sei nochmals auf das seelenähnliche, außerpsychische „psychoide System“ verwiesen (> Unbewusstes, psychoides). Archetypen wirken auf dieser Stufe auch ohne bildhafte Repräsentationen. Sie lassen sich nicht auf den bildhaften Aspekt einschränken. Außerdem hat ihre Wirksamkeit auch eine autonome affektive Seite (vgl. Schulz-Klein, 2000, S. 280 ff]]).

Literatur: Schulz-Klein, H. (1999): Frühe Psychifikationsprozesse; Schulz-Klein, H. (2000): Psyche und Psychifikation.

Autor: H. Schulz-Klein