Anima/Animus: Kritik und Weiterentwicklung des Konzepts

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Keyword: Anima/Animus: Kritik und Weiterentwicklung des Konzepts

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Definition: Keine

Information: Die Entwicklung und Ausgestaltung des Anima/Animus-Begriffs und -Konzepts durchzieht C. G. Jungs gesamtes Werk und Theorienbildung, von seiner ersten Ausarbeitung des Begriffs des Seelenbildes 1921 (Jung, GW 6, § 887), bis hin zur Auffassung von König und Königin in seinen alchemistischen Schriften und in seinem späten Werk Mysterium Coniunctionis (GW 14]]). Die damit verbundenen unterschiedlichen Beschreibungen und Begriffsbestimmungen haben zu vielfältiger Kritik und Kontroversen innerhalb und außerhalb der > Analytischen Psychologie (> Analytische Psychologie geführt, bis hin zu der Forderung, das Anima/Animus-Konzept ganz aufzugeben (vgl. Springer, 2000).

Diskussion: Die Gründe für diese Kontroversen liegen u. a. in der Schwierigkeit, die verschiedenen Beschreibungen, die C. G. Jung gegeben hat, miteinander sinnvoll zu verbinden, in ihrer Unbestimmtheit und Widersprüchlichkeit, ihrer fehlenden Differenzierung von anderen psychischen Aspekten (wie z. B. dem > Eros-Prinzip oder > Logos-Prinzip, den > Orientierungsfunktionen), und in der zeitbedingten patriarchalen Vorurteilsstruktur, die den Anima/Animus-Zuschreibungen anhaftet, und die Klischeevorstellungen über das Männliche und das Weibliche (und ihren zahlreichen Zwischenstufen und Varianten), die sogar sexistische und chauvinistische Einstellungen unterstützen könnten. Da sich zudem viele Aspekte, die mit Anima/Animus verbunden werden, bei beiden Geschlechtern in ähnlicher Weise vorfinden, vertreten verschiedene Autoren (Hillman, 1981 a, 1981 b; Heisig, 1996, Kast, 1984, Whitmont, 1989) die Auffassung, Anima/Animus sollten als archetypische Strukturen angesehen werden, die für beide Geschlechter in gleicher Weise gültig sind.

Gegen eine solche Gleichsetzung der Anima/Animus-Aspekte für beide Geschlechter spricht, dass es unter der Perspektive neuerer Ergebnisse, z. B. der Evolutionspsychologie und der Hirnforschung, zwischen Frauen und Männern biopsychische Unterschiede gibt, die sich nicht befriedigend allein als Ausdruck gesellschaftlicher Zuschreibung und Sozialisation erklären lassen, sondern auch als eine evolutionär bedingte, zweckmäßige Rollenverteilung angesehen werden müssen (> Geschlecht > Männliches und Weibliches Prinzip). Damit müssten auch bewusste/unbewusste Vorstellungen, Fantasien und Sehnsüchte, die z. B. ein Mann mit dem Weiblichen verbindet, wie auch seine eigenen „weiblichen“ Seiten, naturgemäß etwas anderes sein, als das, was die Frau an Weiblichem in sich selbst empfindet. Zudem symbolisieren die Anima/Animus-Aspekte oft das Fehlende, Nicht-Vorhandende, aber zutiefst ersehnte andere Prinzip, das nicht im Betreffenden selbst, sondern nur im gegengeschlechtlichen Anderen erfahren werden kann (vgl. Müller, 2000; Braun, 2001). A. Stevens (1993, 2002]] verteidigt deshalb die ursprüngliche Auffassung. In einer Zeit, in der die allgemeine Psychologie, Biologie, Medizin begännen, Jungs Idee des Archetypischen im Menschen ernst zu nehmen und zu belegen, sollten nicht gerade die Jungianer die alte tabula-rasa-Theorie der menschlichen Entwicklung wiederbeleben. Die Vorstellung Jungs, dass Körper und Biologie, Geist, Verstand und Seele Aspekte einer archetypischen Realität (> Einheitswirklichkeit) seien, machen das Zentrale der Analytischen Psychologie (> Analytische Psychologie aus. Diese Grundidee werde aber durch den Versuch infrage gestellt, die Logosqualität des männlichen und die Erosqualität des weiblichen Bewusstseins generell zu verwerfen und, unabhängig vom Geschlecht, jedem Menschen gleiche Anima- und Animusaspekte zuzuschreiben.

Ein vorläufiger Kompromiss zwischen beiden Positionen könnte darin bestehen, zwischen einem weiblichen und männlichen Prinzip einerseits (> Weibliches und Männliches Prinzip) und den Anima/Animus-Aspekten andererseits zu unterscheiden. Danach wäre Weibliches wie Männliches prinzipiell in beiden Geschlechtern, in jeweils individuellen Ausprägungen und Variationen, vorhanden und die Begriffe Anima/Animus blieben den jeweils geschlechtsspezifischen Varianten der Prinzipien vorbehalten. Die Anima bezeichnet dann die spezifische Gesamtheit aller bewussten und unbewussten Aspekte und Funktionen des weiblichen Prinzips im Mann, der Animus die spezifische Gesamtheit aller bewussten und unbewussten Aspekte und Funktionen des männlichen Prinzips in der Frau. In dieser Definition könnte sowohl das Gemeinsame, als auch das Unterschiedliche zwischen Frau und Mann gefasst werden.

Literatur: Heisig, D. (1996): Die Anima; Hillman, J. (1985): Anima; Kast, V. (1984): Paare; Samuels, A. (1989 a): Jung und seine Nachfolger; Stevens, A. (2002): Archetype Revisited.

Autor: A. Müller, L. Müller, G. Sauer