Amplifikation

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Keyword: Amplifikation

Links: > Archetyp > Assoziation > Deutung > Mythos > Symbol > Verstehen > Unbewusstes, kollektives

Definition: Die Amplifikation (lat. amplificare: erweitern, unter verschiedenem Gesichtspunkt betrachten, anreichern, vertiefen) wurde von C. G. Jung als ein ergänzender Aspekt der freien Assoziation (Assoziation > Betrachtung) in die Psychotherapie eingeführt (vgl. Jung, GW ). Er bezeichnete sie manchmal auch als gerichtete Assoziation.

„Diese Methode der Amplifikation ist eine Erweiterung, eine bewußte Anreicherung. Ich veranlasse dabei den Träumer, das Bild in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und alle an das Bild gebundenen Assoziationen zu bringen.“ (Jung, 1987, S. 251)

Während bei der freien > Assoziation eine Tendenz bestehen kann, sich von dem ursprünglichen Ausgangspunkt immer weiter zu entfernen, wird bei der Amplifikation das Thema immer wieder neu umkreist, so dass viele unterschiedliche Aspekte der gleichen Thematik beleuchtet werden können und das Thema in einen umfänglicheren Kontext gestellt wird. Dabei können nicht nur ganz persönliche und allgemeine Einfälle des Patienten einbezogen, sondern es können auch von seiten des Therapeuten allgemeinmenschliche, archetypische Zusammenhänge beigebracht werden. So kann danach gefragt werden, welche Bedeutung das Symbol oder Thema in der Gesellschaft oder in anderen Kulturen hat, wie es beispielsweise in den Religionen, den Mythen, Märchen, der Weltliteratur, der Kunst, den Filmen, in Redensarten und Witzen oder auch Bereichen der Gesellschaft (Modetrends, Werbung) und Politik auftaucht, verarbeitet und verstanden wird.

Information: Keine

Diskussion: Die Amplifikation eines Themas mit kollektiven Bedeutungs- und Sinnaspekten kann dazu verhelfen, aus einer allzu persönlichen, allzu engen, vielleicht auch allzu „egozentrischen“ Sichtweise heraus zu finden. Sie ermöglicht es, voneinander abweichende Perspektiven zur gleichen Zeit einzunehmen. Sie verbindet mit dem „universalen“ Menschen der Vergangenheit und der Gegenwart (> Anthropos), lässt die Gemeinsamkeit, Ähnlichkeit und Verbundenheit mit dem Lebensprozess spüren. (Eine Variante der Amplifikation findet in > Gruppentherapien statt, wenn die Gruppenteilnehmer die Erfahrungen Einzelner mit ihren eigenen Erfahrungen anreichern und ergänzen.) Im Erleben von Gemeinsamkeit kann sehr viel Befreiendes und Tröstendes liegen. Es macht das Leben um vieles leichter, wenn erlebt wird, dass in einer schwierigen Lebenslage eine existenzielle, allgemeinmenschliche Problematik liegt, mit der viele Menschen zu ringen haben („Universalität des Leidens“ > Wirkfaktoren).

„Wenn ein Patient die Unausweichlichkeit seiner inneren Entwicklung zu empfinden beginnt, so kann ihn leicht die Panik überfallen, dass er rettungslos einem Abgleiten in nicht mehr verstehbare Tollheit ausgeliefert sei. Es ist mir mehr als einmal vorgekommen, dass ich in einem solchen Fall nach dem Bücherschaft gegriffen, einen alten Alchimisten heruntergeholt und dem Patienten sein erschreckendes Fantasiebild in jener Form gezeigt habe, in welcher es schon vor 400 Jahren gedruckt wurde. Das wirkt beruhigend, denn der Patient sieht, dass er sich keineswegs allein in einer fremden Welt, von der niemand etwas versteht, befindet, sondern dass er zum großen Strom der historischen Menschheit gehört, welche schon lange und unzählige Male erlebt hat, was er als seine nur persönliche, pathologische Ausgefallenheit betrachtet.“ (Jung, zit. nach Jacobi, 1971 b, S. 114)

Die Amplifikation kann natürlich auch das Gefühl der Bedeutsamkeit und Wichtigkeit eines seelischen Ereignisses erhöhen. Sie kann bisher nicht berücksichtigte Zusammenhänge eröffnen und die Ahnung eines transpersonalen Hintergrundes erwecken (> Transpersonale Psychologie). „Die Begegnung mit diesen archetypischen Dimensionen ist im ursprünglichen Sinne des Wortes „bildend“. Das Bewusstsein bekommt Bilder und Bildung, erweitert seinen Horizont und lädt sich auf mit Inhalten, die ein neues Gefälle, d. h. neue Probleme, aber auch neue Lösungen konstellieren. „Indem die nur personalen Daten in Verbindung treten mit transpersonalen, und der kollektive Menschheitsaspekt wieder entdeckt wird und lebendig zu werden beginnt, wachsen der personalistisch verengten und erstarrten Persönlichkeit des erkrankten modernen Menschen neue Einsichts- und Lebensmöglichkeiten zu.“ (Neumann, 1949 a, S. 11)

Es besteht bei der Amplifikation allerdings die Gefahr, durch ein rein philosophisches Intellektualisieren und Spekulieren in der Unverbindlichkeit des Allgemein-Menschlichen stecken zu bleiben oder gar in „geistige Höhen“ abzuheben (> Inflation), wobei der Bezug zur persönlichen Situation des Individuums aus den Augen verloren wird.

E. Neumann betont deshalb, dass es notwendig ist, die archetypische Dimension zu „aktualisieren“ (> Aktualisierung), d. h. „die Hier- und Jetzt-Bedeutung dieses Allgemein-Menschlichen herauszuarbeiten und zur Verwirklichung zu bringen. Sie hat z. B. gerade die individuelle Variante und Bedeutung der Symbolik und der Situation von der allgemein-menschlichen abzuheben. Während die komplexe Psychologie energisch die Bedeutung des Aktual-Konflikts betont und deswegen im Gegensatz zur > Psychoanalyse nicht alles Heil darin sieht, in der Kindheits- und Frühgeschichte des Ich die krankmachenden Faktoren zu entdecken, läuft sie umgekehrt eine entsprechende Gefahr, wenn sie den Erfahrungen des mythischen Geschehens, des kollektiven Unbewussten, ein so großes Gewicht zuspricht, dass sie darüber vergisst, die aktuellen Konsequenzen herauszuarbeiten, die eine solche Erfahrung für das Ich und die Persönlichkeit bedeuten.“ (Neumann, 1953, S. 108f)

Neben der Aktualisierung ist bei der Amplifikation – wie bei aller Deutung – ebenfalls die „Stimmigkeit“ und „Passung“ zu überprüfen. Zwischen dem psychischen Ereignis und der Amplifikation sollte nicht irgendeine Ähnlichkeit, sondern eine weitgehende Entsprechung bestehen, die auch dem Patienten vor dem Hintergrund seiner inneren und äußeren Welt plausibel wird. Deshalb stehen die mehr aus dem persönlichen Erfahrungsfeld stammenden und die mehr kollektiven Amplifikationen in einem notwendigen Abstimmungs- und Ergänzungsverhältnis.

Literatur: Dieckmann, H. (1979): Methoden der Analytischen Psychologie; Jacoby, J. (1971): Die Psychologie von C. G. Jung; Müller, L., Knoll, D. (1998): Ins Innere der Dinge schauen.

Autor: L. Müller