Aggressionstheorien

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Keyword: Aggressionstheorien

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Definition: Aggressionstheorien sind Theorien über die Ursachen, den Verlauf, die Verarbeitung und die Auswirkungen von Aggression und Aggressivität.

Information: Keine.

Diskussion: S. Freud und A. Adler nahmen als Quelle der Aggression einen gemeinsamen, organisch begründeten Aggressionstrieb (Adler) beziehungsweise Todestrieb (Freud) an. Freud fasste die Aggression zunächst als spezielle Ausdrucksform der > Libido auf, interpretierte sie später als eine Reaktion auf Versagungen und die dadurch auftretenden Unlustempfindungen. Schließlich vertrat er eine dualistische Trieblehre. Neben dem Eros, dem er die libidinösen und die Ich-Triebe zurechnete, nahm er nun einen eigenständigen Todestrieb (> Thanatos) an, dessen Ziel er in der Herbeiführung eines spannungslosen Zustandes, in letzter Konsequenz also des Todes, sah.

Die Triebtheorien sind die pessimistischen Theorien: Die Menschen haben einen Aggressionstrieb und infolgedessen müssen sie einfach von Zeit zu Zeit aggressiv sein. Gegen diese Theorie spricht, dass bei Trieben, wenn sie befriedigt sind, eine Ruhephase eintritt, etwa beim Sexualtrieb. Das gilt für die Aggression nicht.

S. Freuds Auffassung beeinflusste auch die von John Dollard und Neal Elgar Miller entwickelte Frustrations-Aggressions-Theorie, wonach Aggression eine Folge von Versagungen ist. Auch diese Theorie konnte nicht alle aggressiven Phänomene erklären, denn Aggressionen sind nicht stets eine (reaktive) Folge von Frustrationen. In den Weiterentwicklungen der Frustrations-Aggressions-Theorie wurde insbesondere die Bedeutung der Lernprozesse betont, die aggressivem Verhalten zugrunde liegen.

Die Lerntheorien (M. Bandura und Mitarbeiter) wiesen auf die Bedeutung des Imitationslernens für den Aufbau aggressiver Verhaltensweisen hin. Während die Trieb- und Frustrationstheoretiker eher von der Annahme ausgingen, Darstellung von Gewalt in den Massenmedien und im Sport könnten eine kathartische Wirkung haben (> Katharsis) und das Aggressionspotenzial kanalisieren und abbauen, betonten die Lerntheoretiker hingegen die Gefahr einer Erhöhung der Gewaltbereitschaft durch Nachahmen von Vorbildern durch eine Desensibilisierung für Gewalt. Die Lerntheorien sind optimistischer als die Triebtheorien. Was gelernt wird, kann man auch verlernen.

Die empirische > Säuglingsforschung (vgl. z. B. Lichtenberg 2000) sieht heute die Aggression als ein Motivationssystem (> Motivation). Motivationssysteme werden verstanden als fundamentale Notwendigkeiten der menschlichen Existenz, und sie bleiben von der Geburt an ein Leben lang zu beobachten, sie organisieren menschliches Erleben und Verhalten, sind also archetypisch. Es gibt hier zwei Motivationssysteme, die mit Ärger und Aggression zu tun haben. Das eine ist ein Bedürfnis nach Selbstbehauptung („assertion“ nicht „aggression“) und Exploration. Das zweite Motivationssystem – neben den vielen anderen Motivationssystemen, die mit Ärger und Aggression nichts zu tun haben – ist das Bedürfnis aversiv zu reagieren durch Widerspruch, Angriff oder Rückzug, wenn die eigenen Interessen durchkreuzt werden.

Ärger und Aggression wären also in zwei Motivationssystemen auszumachen: Als Selbstbehauptung und auch als Selbstaktualisierung. Schließlich gibt es eine Ärger-Aggressions-Theorie, die unter anderen auch von Kast vertreten wird, und die von Emotionen ausgeht: Die Emotion > Ärger kann sich in Aggressionen ausdrücken, muss aber nicht. Aggression muss auch nicht ärger-bedingt sein, aber sie lässt sich als natürlicher Ausdruck der Emotion Ärger verstehen. Diese Theorie kann alle anderen Theorien in sich vereinen, außer der Triebtheorie. Ziel einer ärger-motivierten Aggression ist es, das gekränkte Selbstwertgefühl wieder zu regulieren, sich also weniger gekränkt zu fühlen, vielleicht sogar sich im Zustand eines kleinen Triumphs zu spüren. Die Kränkung, die erfahren wurde, löst Ärger, Angst oder Wut aus. Durch die feindselige Handlung erhofft man, sich besser fühlen zu können, nicht ein Opfer bleiben zu müssen und auch erleben zu können, dass man sich wehren kann. Es soll ein „gerechter“ Ausgleich hergestellt werden in dem Sinn: „Wie du mir, so ich dir! Wenn du mir etwas Böses antun kannst, dann kann ich es auch!“ Aber der damit angepeilte zufriedene Zustand wird in der Regel durch feindseliges Verhalten gerade nicht erreicht. Deshalb wird durch einen solchen Machtkampf leicht eine Spirale der Gewalt ausgelöst. Denn die Rache oder Verletzung, die einem anderen angetan wurde, können wiederum Schuldgefühle auslösen, welche auf das Selbstwertgefühl negativ zurückwirken. Außerdem ist eine weitere aggressive Reaktion des Gegenübers zu befürchten, denn bekanntlich bewirken Ärger-Äußerungen auch wiederum Ärger. Der Ärger ist eine reziproke Emotion. Ob nun Schuldgefühle oder > Angst das Resultat einer Ärger-Äußerung ist, die daraus resultierende Spannung macht es wenig wahrscheinlich, dass eine kreative Lösung (> [[Kreativität) gefunden wird – kreative Lösungen würden unser Selbstwertgefühl sehr gut stabilisieren –, sondern dass der Konflikt weiter in einem nagt, und man, um sich besser zu fühlen, dann wiederum versucht, in einem weiteren feindseligen Akt die eigene Kraft zu spüren. Die Spirale der > Gewalt dreht sich.

Literatur: Bandura, A., Walters, R.H. (1963): Social Learning and Personality Development; Dollard, J. et al. (1939): Frustration und Aggression; Kast, V. (1998): Vom Sinn des Ärgers; Lichtenberg, J. (2000): Das Selbst und die motivationalen Systeme; Lorenz, K. (1963): Das sogenannte Böse.

Autor: V. Kast