Adoleszenz

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Keyword: Adoleszenz

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Definition: Adoleszenz (lat.: Jugendalter) bezeichnet die Zeit zwischen dem Eintritt der Geschlechtsreife und dem Erwachsensein und bezieht sich auf die Gesamtheit der psychosexuellen, kognitiven und sozialen Wandlungen, die zum Teil als psychologische Anpassungsleistungen an die Veränderungen infolge der > Pubertät gesehen werden können. Im Gegensatz zu Naturvölkern, in denen Jugendliche durch Initiationsriten (> Initiation) in die Welt der Erwachsenen aufgenommen werden, gibt es in der modernen westlichen Gesellschaft keinen klar abgrenzbaren Übergang in den Status des Erwachsenseins.

Information: Die Adoleszenz ist eine Wandlungsphase (> Wandlung), in der so viele innere und äußere Veränderungen stattfinden, wie in keiner anderen. Der Wechsel von einem eher als harmonisch erlebten Körperbild der Kindheit zu dem zunächst unvertrauten, oft als hässlich, ungelenk, schmächtig oder unproportioniert erscheinenden Körper der Adoleszenz wird häufig sehr krisenhaft verarbeitet.

Damit einhergehend erlebt die Regulierung des > Selbstwertgefühls in der Adoleszenz starke Schwankungen und Einbrüche. Der > Ich-Komplex ist weniger kohärent, was aber andererseits auch die Chance bietet, dass er innerhalb gewisser Grenzen neu organisiert werden kann. Es kann zu häufigem Stimmungswechsel zwischen depressiver Todessehnsucht, starker Angstentwicklung und inflationären, narzisstischen > Größenfantasien, sowie vermehrter > Fantasietätigkeit kommen. Dieses Wechselspiel von > Regression und > Progression lässt sich nach C.G. Jung als eine archetypische Aktivität verstehen, mit dem Ziel, eine erweiterte > Identität herzustellen.

Energetisch findet in der Adoleszenz eine > Regression der > Libido statt (vgl. auch > Inzestmotiv, die sich in einer verstärkten Wirksamkeit des kollektiven Unbewussten (> Unbewusstes, kollektives) und der archetypischen Strukturelemente (> Archetyp, > Heiratsquaternio, > Verwandtschaftslibido) äußert. Der Ich-Komplex steht unter der Dominanz des Archetyps des Helden/der Heldin (> Heros-Prinzip), der/die sich symbolisch gesprochen im > Drachenkampf aus der Übermacht des > Vater- > Mutter- und > Elternarchetyps lösen muss. Objektstufig fordert dieser Drachenkampf eine allmähliche Ablösung und Abgrenzung von den persönlichen > Eltern und der infantilen Beziehung zu ihnen. Subjektstufig geht es um die Ablösung von den inneren Eltern (Elternimagines) und den damit verbundenen Elternkomplexen. Die Loslösung von den Elternimagines wird u. a. gefördert durch die Belebung des Archetyps der überpersönlichen Eltern, der Ureltern. Das bedeutet: Die Elternarchetypen werden nun innerhalb des Kollektivs auf überpersönliche Inhalte übertragen, etwa eine geistige Idee, eine Gemeinschaft. Anima- und Animusaspekte (> Anima > Animus) werden aus der Projektion auf den gegengeschlechtlichen Elternteil (> Ödipuskomplex) herausgelöst und treten nun verstärkt in erotischen und sexuellen Fantasien und in Faszinationen auf. (SchauspielerInnen, Rockbands etc.)

Starke, schwer zu bewältigende Konflikte entstehen, wenn der Jugendliche seine > Libido von den Primärobjekten, den Eltern, zurückzieht und nicht imstande ist, außerhalb der Familie neue Objekte zu finden, die sich zur Besetzung anbieten würden. Der Jugendliche kann einen schmerzlichen Zustand der Objektlosigkeit und Einsamkeit durchleben. In den Übergangs- und Initiationsriten (> Initiation) in ursprünglichen Kulturen wird dieses zentrale archetypische Übergangsphänomen aufgegriffen. Weitere archetypische Aspekte dieser Initiationsphase, die sich auch bei Jugendlichen unserer Zeit zeigen können, sind das Erleiden eines symbolischen Todes, der Wunsch nach Prüfung (Mutproben) und das Erleben einer Neu-Geburt (> [[Wiedergeburt).

Alte psychische und somatische Störungen können sich in der Adoleszenz wieder aktualisieren. Mit dieser > Krise ist auch die Chance verbunden, infantile Anteile, wie Fantasien, Emotionen und Empfindungen, die während der frühen Entwicklung nicht bewältigt werden konnten, zu integrieren (> Integration).

Diskussion: Modelle der adoleszenten Entwicklung wurden von E. Erickson (1966, „psychosoziales Entwicklungsmodell“) und P. Blos (1962, „Fünfphasenmodell“) dargestellt. Als wesentliche Entwicklungsziele der Adoleszenz werden von G. Bovensiepen (1993) zusammengefasst: Akzeptieren des veränderten Körperselbstbildes und der erwachsenen Genitalität, Fähigkeit zu nichtinzestuösen Objektbeziehungen; Stabilisierung und Differenzierung der Ich-Selbst-Beziehung; Fähigkeit, innere Gegensätze auszuhalten, Desintegrations- und Reintegrationsfähigkeit des Selbst; Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Literatur: Bohleber, W. (Hrsg.) (1992): Adoleszenz und Identität; Bovensiepen, G. (1993): Analytische Psychotherapie mit Jugendlichen; Guggenbühl, A. (2002): Pubertät- echt ätzend; Kiepenheuer, K. (1988): Geh über die Brücke; Mertens, W. (1996): Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität.

Autor: A. Kuptz-Klimpel